EIN LESERBRIEF VON KATHRIN STROBEL

(Enkelin von Annemarie Eschke)

Annemarie Eschke

Lieber Ahrensburger Dialog,

einige Geschichten und Anekdoten konnten sie die letzten Jahre über uns, die Kinder und Enkel der Familie Eschke lesen. Unsere Oma Annemarie hatte einen unendlichen Schatz an Erinnerungen, den sie gerne nutzte, um unterhaltsame Artikel zu schreiben. Nun ist es an der Zeit „Danke“ zu sagen für die Zeiten, in denen ich mit Stolz sagen konnte, dass ich die Enkelin dieser starken und selbstständigen Frau war. Und wie gerne war ich ihre Enkelin! Früh lernte ich, das Kind aus West-Berlin, dass meine Oma aus dem hohen Norden Sachen konnte, die ich gar nicht kannte. Sie sprach plattdeutsch! Eindeutig eine Geheimsprache für mich. Sie konnte zudem noch eine andere Geheimsprache lesen, die mir nur Fragezeichen ins Gesicht rief. Alte Briefe und Tagebücher, die in Sütterlin geschrieben waren, verwandelte sie in spannende Geschichten. Sie hatte zu den meisten Dingen im Leben eine Meinung. Sie wusste sehr viel und hatte fast immer eine gute Lösung parat. So wusste sie, wie man ein Auto für eine Großfamilie mit Essen für zwei Wochen bestückt. Sie konnte kochen, nähen, stricken, backen, Schmuck herstellen und mit Blumen umgehen. Sie wusste die Namen von Vögeln, Tieren und Blumen und hatte wirklich sehr viel erlebt in ihrem Leben. Sie liebte Patience, Rommé und war eine leidenschaftliche Autofahrerin. Wenn sie anderer Meinung war als ich, sagte sie es. Und wenn sie derselben Meinung war wie ich, dann sagte sie es auch! Sie glaubte an mich, war interessiert an meinem Studium, meiner Arbeit und schrieb Emails und trotzdem Briefe mit ihrer alten Schreibmaschine an uns. Sie war ein Dickkopf und hatte immer wieder Mut und Energie aufgebracht, um sich den Einschränkungen des Alters zu stellen. Zu meinem Studienabschluss kam sie zur Familienfeier nach Berlin - mit beinahe 85 Jahren. Beim gemeinsamen Frühstück sagte sie mir, dass sie jetzt die beste Zeit ihres Lebens habe. Mit 85! Dass sie jetzt endlich das machen könnte, was sie schon immer machen wollte. Meine Oma hat das Beste aus ihrer Zeit gemacht, hat nie aufgehört sich weiterzuentwickeln, hat nie aufgehört, die Welt spannend zu finden. Ich bin sehr dankbar, so viel Zeit mit dieser tollen Frau gemeinsam gehabt zu haben. Sie hat meinen Glauben gestärkt, dass Wachstum und Entwicklung immer möglich sind - wenn man nur hartnäckig genug am Ball bleibt. Viel hat sie mir erzählt von allen Aktivitäten, die sie in Ahrensburg gemacht hat. Von der Sütterlin-Gruppe, den Zeitzeugen, dem Literaturkreis und dem Ahrensburger Dialog. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie zusammen eine „tolle Truppe“ waren. Wir werden in Zukunft weniger voneinander mitkriegen, sie werden keine unterhaltsamen Anekdoten mehr von meiner Oma lesen und ich werde keine Erzählungen über sie in Ahrensburg mehr von ihr hören, da unsere Botschafterin, meine Oma Annemarie nicht mehr da ist. Ich danke Ihnen für ihr Interesse und wünsche ihnen, der „tollen Truppe“ in Ahrensburg weiterhin viel Tatkraft und Spaß bei all ihren Aktivitäten. Herzliche Grüße aus Berlin von Kathrin Strobel. (Enkelin von Annemarie Eschke)


Dieser Leserbrief hat uns auf elektronischem Wege erreicht und die Redaktion vom Ahrensburger Dialog hat sich sehr darüber gefreut. Wir drucken ihn in diesem Heft ab, weil er genau das beschreibt, was auch uns sehr am Herzen liegt: Der Dialog zwischen den Generationen muss gepflegt werden und dieser Brief strahlt solch eine tiefe Liebe und Zuneigung gegenüber der verstorbenen Großmutter aus, das ist nicht nur rührend, sondern auch gleichzeitig Ansporn für viele andere menschlichen Verbindungen: Die ältere Generation sollte immer am Werdegang und Erfolg ihrer Kinder und Enkel teilhaben und die jüngere Generation sollte aus dem vielseitigen Erfahrungsschatz von Oma und Opa die richtigen Schlüsse ziehen. Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen und auch letztendlich die Grundlage eines toleranten Zusammenlebens in unserer Gesellschaft. Von der Jugend kann man die Unbeschwertheit, Fröhlichkeit und Kritikfähigkeit lernen und von der älteren Generation kann man die Abgeklärtheit, Ruhe und Erfahrung mit in seine Lebensweise einbauen. Dieser Leserbrief aus Berlin drückt das alles aus! ■ (GEORG HARZ)

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